Ep. 218- Delir postoperativ
- norbertaeppli
- 25. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Jan.
Hallo zusammen
Das postoperative Delir ist kein seltenes Randphänomen, sondern eine der häufigsten und zugleich unterschätzten Komplikationen im perioperativen Setting. Und trotzdem wird es im klinischen Alltag noch immer zu spät oder gar nicht erkannt
Dabei sind die Konsequenzen erheblich. Ein Delir bedeutet nicht nur Stress und Angst für Betroffene und Angehörige, sondern ist mit längeren Spitalaufenthalten, funktionellem Abbau, erhöhter Mortalität und einem gesteigerten Risiko für eine spätere Demenz assoziiert.
Die USZ-Fortbildung von diesem Monat hat sich genau diesem Thema angenommen:
Hier ist eine Zusammenfassung der 3 Webinars:
Mit der rasch alternden Bevölkerung wird das postoperative Delir bzw. die perioperative neurokognitive Störung (PND) zu einer der zentralen Herausforderungen in der Anästhesie und perioperativen Medizin (in bis 30% der >60 Jährigen Patientinnen und Patienten). Frailty erweist sich dabei als entscheidender Risikofaktor: Sie beschreibt einen Verlust physiologischer Reserven und erklärt, warum ältere Patientinnen und Patienten nach scheinbar kleinen Stressoren – wie Operation oder Anästhesie – nicht mehr zum Ausgangszustand zurückfinden. Trotz einfacher Screening-Tools (z. B. FRAIL-Skala, Geh- und Krafttests) wird Frailty noch immer unzureichend systematisch erfasst, was zu potenziell unnötigen oder für den Patienten nicht zielführenden Eingriffen führen kann.
Ein zentrales Element moderner geriatrischer perioperativer Versorgung ist Shared Decision-Making. Entscheidungen sollten interdisziplinär getroffen werden (Chirurgie, Anästhesie, Geriatrie, Hausärztin/Hausarzt) und konsequent die Werte, Ziele und Prioritäten der Patientinnen und Patienten einbeziehen. Studien zeigen eine erhebliche Diskrepanz zwischen Patientenwünschen und ärztlicher Praxis: Rund 90 % der älteren Hüftpatienten möchten über das Risiko eines postoperativen Delirs aufgeklärt werden, tatsächlich erhalten aber nur etwa 7 % diese Information. Gleichzeitig überschätzen viele Patienten den schützenden Effekt einzelner Anästhesieverfahren, was die Bedeutung einer klaren, ehrlichen Kommunikation unterstreicht. (RA und AA mit gleichem Delirrisiko).
Zur Prävention von Delir und PND existieren strukturierte Care Bundles wie die Safe Brain Initiative (Abbildung weiter unten) oder die ASA Perioperative Brain Health Initiative. Diese nicht-pharmakologischen Maßnahmen – darunter Delirscreening, Vermeidung von Hypotonie und Hypoxie, Wärmeerhalt, frühe Mobilisation und Reduktion unnötiger Sedativa – konnten in mehreren Zentren die Delirinzidenz senken, die Aufenthaltsdauer verkürzen und die Patientenerfahrung verbessern. Dennoch bleibt eine wesentliche Lücke: Patientenziele und -werte sind bislang kaum systematisch in die Wahl anästhesiologischer Strategien integriert.
Ein zunehmend wichtiger Ansatz ist die Nutzung von Patient-Reported Outcome Measures (PROMs). Daten aus Schweizer Zentren zeigen, dass präoperativ berichtete Faktoren wie Angst, Schmerz, Durst, Stress und reduziertes Wohlbefinden eng mit dem Auftreten eines postoperativen Delirs korrelieren. Maschinelle Lernmodelle konnten diese Faktoren als Frühwarnsignale identifizieren und ermöglichen eine gezielte Anpassung des perioperativen Managements. Gleichzeitig decken PROMs strukturelle Probleme auf, etwa übermässig lange präoperative Nüchternzeiten: Trotz klarer Leitlinien überschreiten über ein Drittel der Patienten empfohlene Flüssigkeitsfastenzeiten, was mit höheren Delirraten assoziiert ist.
Technologische Entwicklungen, insbesondere künstliche Intelligenz, zeigen Potenzial bei der Strukturierung von Präventionsmassnahmen und der Skalierung von PROMs. Gleichzeitig mahnen Studien zur kritischen Nutzung: Ein hohes Vertrauen in KI geht nicht automatisch mit inhaltlicher Qualitätssicherung einher. KI kann unterstützen, ersetzt aber nicht klinische Expertise und ethische Reflexion.
Schliesslich rückt die Humanisierung der perioperativen Versorgung stärker in den Fokus. Soziale Isolation ist mit schlechteren Outcomes assoziiert, weshalb Modelle aus der Pädiatrie – etwa die Anwesenheit einer vertrauten Bezugsperson prä- und postoperativ – auch für geriatrische Patienten diskutiert werden. Ergänzt durch einfache, aber konsequent umgesetzte Massnahmen (z. B. Wärmedecken, angstlindernde Kommunikation, Verzicht auf routinemässige Benzodiazepine) kann dies nicht nur Delir reduzieren, sondern auch Pflegepersonal entlasten und Kosten senken.
Insgesamt zeigen die Daten klar: Postoperatives Delir ist kein unvermeidbares Schicksal des Alters. Es ist ein multifaktorielles, in grossen Teilen beeinflussbares Syndrom. Der Schlüssel liegt in frühzeitiger Risikoerkennung (Frailty, PROMs), ehrlicher Kommunikation, interprofessioneller Zusammenarbeit und der konsequenten Umsetzung evidenzbasierter, patientenzentrierter Präventionsstrategien.

Ich empfehle euch sehr die Homepage der Safe Brain Initiative zu besuchen und vor allem die Empfehlungen unter Program->SBI Core zu studieren.
In diesem Sinne
Denkt frühzeitig an das Delirrisiko und sprecht es an
lg und bis bald



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