
2026-08-31
AusbildnerIn
Di Criscio
Thema
Relaxation
Inhalt der Fortbildung
Eine grosse europäische Erhebung (POPULAR-Studie) hat vor ein paar Jahren die Praxis des neuromuskulären Blockade-Managements in Europa erfasst – über 17.000 Patient:innen, die ein Muskelrelaxans erhielten. Das Ergebnis: Bei mehr als 10.000 dieser Patient:innen kam gar kein neuromuskuläres Monitoring zum Einsatz. Die Extubation wurde bei rund 12.000 Patient:innen ausschliesslich anhand klinischer Kriterien entschieden – also "Augenöffnen, Kopf heben, kräftiger Händedruck" statt objektiver Messung. Über 8.300 Patient:innen erhielten am Ende der Operation gar kein Reversal-Medikament. Und nur bei 16,5 % der Patient:innen war überhaupt dokumentiert, dass sie mit einem TOF-Verhältnis von mindestens 0,9 extubiert wurden.
Das heisst im Klartext: Die überwiegende Mehrheit der europäischen Anästhesist:innen weiss bei der Extubation schlicht nicht, ob ihre Patient:innen noch relevant relaxiert sind. Genau das ist der Ausgangspunkt für die erste ESAIC-Leitlinie zum perioperativen Management der neuromuskulären Blockade, die als Grundlage für diese Fortbildung dient.
Worum es in der Leitlinie geht
Die ESAIC-Leitlinie (Fuchs-Buder et al., European Journal of Anaesthesiology 2023) beantwortet auf Basis einer strukturierten Literaturaufarbeitung (aus rund 24.000 initial gesichteten Arbeiten wurden 88 Studien für die finale Bewertung herangezogen, GRADE-Methodik, Konsens im Delphi-Verfahren) drei zentrale klinische Fragen:
Sind Muskelrelaxantien überhaupt notwendig, um eine endotracheale Intubation zu erleichtern?
Beeinflusst die Tiefe der neuromuskulären Blockade das Ergebnis bei abdominalchirurgischen Eingriffen?
Wie diagnostizieren und behandeln wir eine Restrelaxation zuverlässig?
Die Kernaussagen:
Relaxantien verbessern die Intubationsbedingungen und reduzieren pharyngeale/laryngeale Verletzungen – die Evidenz dafür ist eindeutig, auch wenn "relaxansfreie" Einleitungstechniken in bestimmten Konstellationen möglich sind.
Tiefe neuromuskuläre Blockade kann die OP-Bedingungen verbessern, vor allem in der Laparoskopie – aber die Datenlage zu harten Patienten-Outcomes (Schmerz, Komplikationen) ist deutlich schwächer, als man vielleicht erwarten würde.
Quantitatives Monitoring ist keine Kür, sondern die Voraussetzung für sicheres Handeln – qualitative Beurteilung per Nervenstimulator oder rein klinisches Urteil reichen nachweislich nicht aus, um eine Restrelaxation zuverlässig auszuschliessen. Und: Sugammadex zeigt bei der Reversierung aminosteroidaler Relaxantien (Rocuronium, Vecuronium) deutlich bessere Ergebnisse als Neostigmin, sowohl bei der Rate an Restrelaxation als auch – mit etwas vorsichtigerer Evidenz – bei postoperativen pulmonalen Komplikationen.
Ziel der heutigen Fortbildung
Wir wollen nicht nur die Empfehlungen durchgehen, sondern konkret werden:
Was bedeutet TOF-Ratio 0,9 in der Praxis?
Wann ist ein PTC sinnvoll und wie ist die Zahl zu interpretieren?
Warum kann kann ein Patient intraoperativ "pressen", obwohl unser TOF-Monitoring an der Hand etwas anderes meint?
Welche Komplikationen können auf eine Restlaxation folgen?
Und – die vielleicht unbequemste Frage – wo stehen wir selbst im Vergleich zu dem, was die Evidenz eigentlich verlangt?

Hier noch ein generiertes Erklärungsvideo zu den Guidelines ;-)