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2026-07-24

AusbildnerIn

Oergel

Thema

Blutdruckmanagement intraoperativ

Inhalt der Fortbildung

Intraoperatives Blutdruckmanagement

Hypotonie ist eine der häufigsten intraoperativen Komplikationen und gilt als einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für postoperative Organschäden. Gleichzeitig ist das Blutdruckmanagement eines der am intensivsten diskutierten Themen der perioperativen Medizin – denn was Beobachtungsstudien nahelegen und was randomisierte Trials zeigen, scheint auf den ersten Blick zu widersprechen. Diese Fortbildungseinheit beleuchtet die aktuelle Evidenzlage, erklärt die Mechanismen intraoperativer Hypotonie und leitet daraus praktische Konsequenzen für den Alltag ab.

 

Thema 1: Evidenzlage – Beobachtungsstudien, RCTs und der scheinbare Widerspruch

Grosse Beobachtungsstudien mit teils über 100'000 Patienten zeigen konsistent einen graduellen, zeitabhängigen Zusammenhang zwischen intraoperativer Hypotonie und postoperativen Komplikationen wie Myokardschäden, akutem Nierenversagen und Tod. Als kritische Schwelle gilt dabei ein MAP unter 60–65 mmHg – je länger und tiefer, desto höher das Risiko. Diese Daten haben internationale Konsensempfehlungen geprägt, die einen MAP ≥ 60–65 mmHg als Zielwert für nicht-herzchirurgische Eingriffe definieren (Joosten et al., Intensive Care Med 2026; Saugel et al., JAMA 2025).

Randomisierte Trials – darunter POISE-3 (n = 7490), BP-CARES (n = 1477), PRETREAT (n = 3247) und IMPROVE-multi (n = 1142) – zeigen hingegen übereinstimmend neutrale Resultate: Weder höhere fixe MAP-Ziele noch individualisierte Zielwerte (z.B. basierend auf dem präoperativen nächtlichen MAP) verbessern patientenzentrierte Outcomes gegenüber einem Standardziel von MAP ≥ 65 mmHg. PRETREAT wurde sogar vorzeitig wegen Futility gestoppt. Einzige Ausnahme: der kleine INPRESS-Trial (n = 298), der bei hochrisikochiurgischen Patienten einen Vorteil für individualisiertes Management zeigte – ein Befund, der sich in grossen Folgestudien nicht replizieren liess.

Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man beide Datensätze gemeinsam liest: Beobachtungsstudien belegen eine Assoziation zwischen MAP < 60–65 mmHg und Organschäden. RCTs zeigen, dass das Anstreben höherer Zielwerte diesen Schaden nicht verhindert. Die Schlussfolgerung lautet nicht «MAP ist irrelevant», sondern: MAP ≥ 65 mmHg ist für die meisten Patienten ausreichend – das Unterschreiten dieser Schwelle ist zu vermeiden, das Überschiessen bringt keinen Zusatznutzen. Ausnahme: Bei Patienten mit auch zu Hause konstant hypertonen BD-Werten, würde ich höhere MAP-Ziele als 65mmHg anstreben.

 

Thema 2: Mechanismen – Endotypen der intraoperativen Hypotonie

Hypotonie ist kein einheitliches Phänomen. Der MAP ist das Produkt aus Herzzeitvolumen und systemischem Gefässwiderstand – eine Reduktion kann aus ganz unterschiedlichen Ursachen resultieren: Vasodilatation (häufig durch Anästhetika, Spinalanästhesie), Hypovolämie (Blutung, Flüssigkeitsverschiebung), myokardiale Depression (kardiotoxische Medikamente, vorbestehende Dysfunktion) oder Bradykardie. Jeder Endotyp erfordert eine andere therapeutische Antwort.

Neuere Machine-Learning-Analysen (Kouz et al., BJA 2023; Jian et al., BJA 2025) konnten diese Endotypen empirisch identifizieren und validieren. Klinisch bedeutet das: Wer bei Hypotonie reflexartig Vasopressoren gibt, ohne den zugrunde liegenden Mechanismus zu analysieren, behandelt möglicherweise an der falschen Stelle. Vasodilatation braucht Vasopressor, Hypovolämie Volumen, myokardiale Depression Inotrop-Therapie und ggf. Nachlastsenkung, Bradykardie chronotrope Unterstützung.

Dieses mechanismusbasierte Denken erklärt auch, warum Studien, die lediglich den MAP-Zielwert erhöhten ohne den zugrundeliegenden Pathomechanismus zu adressieren, neutrale Ergebnisse liefern. Höherer Druck durch mehr Vasopressor hilft nicht, wenn das eigentliche Problem ein leeres Gefässsystem oder eine schlechte Pumpe ist – und kann die Mikrozirkulation sogar verschlechtern.

 

Thema 3: Prävention und Therapie – proaktiv statt reaktiv

Das Paradigma im Blutdruckmanagement verschiebt sich von der reaktiven Korrektur zur proaktiven Prävention. Konkret bedeutet das: kontinuierliches Blutdruckmonitoring (invasiv oder nicht-invasiv über Fingercuff-Technologie) ermöglicht es, Hypotonien früher zu erkennen und kürzer zu halten – mehrere RCTs zeigen eine Halbierung der Hypotoniedauer im Vergleich zu intermittierendem NIBP-Monitoring.

Für Hochrisikopatienten spricht die aktuelle Evidenz zudem für eine präemptive, niedrigdosierte Noradrenalin-Infusion ab Narkoseeinleitung anstelle von reaktiven Bolus-Gaben – ein Ansatz, der pharmakologisch konsistenter ist und die anästhesiebedingte Vasodilatation gezielt abpuffert (Trocheris-Fumery et al., Anesthesiology 2025; Vokuhl et al., BJA 2025).

Am Horizont stehen Closed-Loop-Systeme, die die Noradrenalin-Infusion vollautomatisch anpassen, sowie Predictive-Analytics-Algorithmen (z.B. Hypotension Prediction Index), die eine Hypotonie bis zu 15 Minuten im Voraus ankündigen sollen. Beide Technologien reduzieren in Studien zuverlässig die Hypotoniedauer – ein Beweis für verbesserte klinische Outcomes steht aber noch aus und wird von grossen, unabhängigen Trials abgewartet (u.a. niMON-Trial). Für den klinischen Alltag gilt heute: MAP ≥ 60–65 mmHg halten, Ursache der Hypotonie analysieren, Therapie mechanismusbasiert wählen.


Verwendete Literatur

Joosten et al. Intraoperative blood pressure management in noncardiac surgery. Intensive Care Med 2026;52:500–511


Saugel et al. (IMPROVE-multi). Individualized perioperative blood pressure management. JAMA 2025;334(21):1893–1904


Und hier noch ein generiertes Erklärvideo ;-)


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