
2026-07-16
AusbildnerIn
Barana
Thema
Narkoseführung
Inhalt der Fortbildung
Die Steuerung einer Allgemeinanästhesie ist weit mehr als das Titrieren von Medikamenten nach Schema. Sie erfordert die kontinuierliche Integration klinischer Zeichen, physiologischer Parameter und – wo eingesetzt – apparativer Monitoringdaten. Diese Fortbildungseinheit beleuchtet drei Kernthemen: die Beurteilung der Narkosetiefe im klinischen Alltag, das Risiko der intraoperativen Wachheit sowie das strukturierte Vorgehen bei verzögertem Erwachen nach Narkoseende.
Thema 1: Einschätzen der Narkosetiefe
Die Beurteilung der Narkosetiefe bleibt eine der anspruchsvollsten Aufgaben in der intraoperativen Führung. Klassischerweise stützen wir uns auf indirekte Parameter wie Herzfrequenz, Blutdruck, Bewegung und Schwitzen – Zeichen, die anästhetische Effekte widerspiegeln, aber das eigentliche Zielorgan, das Gehirn, nicht direkt abbilden. EEG-basierte Monitore wie der BIS versprechen hier eine spezifischere Aussage, zeigen aber in kontrollierten Studien Grenzen: Bewusste und bewusstlose Patienten werden nicht immer zuverlässig unterschieden, und die Überlegenheit gegenüber MAC-basierter Steuerung ist nicht konsistent belegt (vgl. BAG-Recall-Trial, NEJM 2011).
Eine interessante konzeptuelle Weiterentwicklung zeigt eine europäische Multizenter-Studie (Schneider et al., Anesthesiology 2014;120:819–28) unten verlinkt: Der dort entwickelte Anesthesia Multimodal Index of Consciousness (AMIC) kombiniert EEG-Parameter mit Standardmonitoring (Herzfrequenz, Blutdruck, MAC, Patientendaten) und erreicht eine bessere Diskriminierung verschiedener Anästhesiezustände als EEG oder Standardparameter allein. Klinisch eingeführt ist der AMIC nicht – die Studie ist aber ein gutes Argument dafür, warum wir mehrere Informationsquellen integriert beurteilen sollten, statt uns auf einen einzelnen Index zu verlassen. Im klinischen Alltag bedeutet das: EEG-Monitoring ergänzt dort, wo indiziert, das Standardmonitoring – es ersetzt es nicht.
Thema 2: Intraoperative Wachheit (Awareness)
Intraoperative Awareness mit expliziter Erinnerung ist selten, aber für die Betroffenen oft traumatisch und medizinisch-rechtlich relevant. Die Inzidenz liegt je nach Population bei ca. 0,1–0,2 %, steigt aber in Hochrisikosituationen (kardiale Chirurgie, Notfalleingriffe, RSI, geburtshilfliche Anästhesie) deutlich an.
Für eine fundierte Auseinandersetzung mit Ursachen, Risikofaktoren, Prävention und dem strukturierten Umgang mit betroffenen Patienten empfehlen wir das Studium der NAP5-Studie (5th National Audit Project, Royal College of Anaesthetists / AAGBI, 2014) – die bisher umfassendste prospektive Analyse zu diesem Thema, mit konkreten Empfehlungen für Praxis und Institution.
NAP5-Studie: nationalauditprojects.org.uk/NAP5report
Thema 3: Verzögertes Erwachen nach Narkose
Wacht ein Patient nach Narkoseende nicht zeitgerecht auf, ist rasches strukturiertes Handeln gefragt. Die Differentialdiagnose ist breit: pharmakologische Ursachen (Überhang von Hypnotika, Opioiden, Muskelrelaxantien), metabolische Störungen (Hypoglykämie, Hyponatriämie, Hyperkapnie), aber auch neurologische Ereignisse intraoperativ. Ein systematisches Vorgehen verhindert, dass wichtige Ursachen übersehen werden.
Für unsere Abteilung dazu eine strukturierte Notfallcheckliste zur Verfügung (Kapitel 24). Diese soll im Ernstfall nicht auswendig gewusst, sondern aktiv eingesetzt werden – ganz im Sinne des CRM-Prinzips «Verwende Merkhilfen und schlage nach».